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Atomindustrie kontra Weltkulturerbe
Die Geschichte eines Konfliktes

Mit den Olympischen Spielen in Sydney im vergangenen Jahr rückte Australien ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Doch hinter der schönen und bunten Kulisse, die das Land seinen Besuchern präsentierte, spielt sich eine Umweltkatastrophe ab: Im berühmten Kakadu-Nationalpark im tropischen Norden des Kontinents soll eine neue Uranmine entstehen: Jabiluka. Der Nationalpark ist von der UNESCO in die Liste des Weltkultur- und Weltnaturerbes der Menschheit aufgenommen worden. Nicht nur wegen der landschaftlichen Werte gilt er als besonders schützenswert. Seit etwa 40.000 Jahren leben hier Aboriginals vom Volk der Mirrar. Ihre einzigartige Kultur - die älteste der Erde -, ihre Gesundheit und die der künftigen Generationen sowie Fauna und Flora des Parks sind durch den Abbau des radioaktiven Materials gefährdet. Unterstützt von Menschenrechtlern und Umweltschützern aus aller Welt, wehren sich die Mirrar. Sie wollen ihr Land und ihre heiligen Stätten vor den Zerstörungen durch die Atomindustrie schützen und die Zukunft ihrer Kinder, Enkel und Urenkel sichern.

Sydney 2000: Umweltfreundliche Olympische Spiele?

Australien hatte der Welt die "grünsten", umweltfreundlichsten Olympischen Spiele aller Zeiten versprochen. Hunderttausende von Touristen aus aller Welt waren auf dem fünften Kontinent zu Gast. Neben der Olympiastadt Sydney sollten die unberührte Natur des australischen Outback, Sehenswürdigkeiten wie der Uluru und das Great Barrier Reef sowie Kunst und Kultur der Ureinwohner Urlauber ins Land locken. Eines der wichtigsten Ziele ist der berühmte Kakadu-Nationalpark im Northern Territory, der jährlich rund 300.000 Besucher zählt.

Kakadu-Nationalpark - Erbe der Menschheit

Diese einzigartige Region ist als eine von nur rund zwanzig Stätten der Erde von der UNESCO sowohl aufgrund ihrer landschaftlichen als auch ihrer kulturellen Bedeutung in die Liste des schützenswerten Erbes der Menschheit aufgenommen worden.

Die große Bandbreite von Ökosystemen feuchter und bewaldeter Zonen beherbergt zahlreiche seltene Arten. Rund ein Drittel der australischen Vogelarten und ein Viertel der Süßwasserfische Australiens sind hier beheimatet. Durch die weiten Sumpfgebiete schlängelt sich der East Alligator River mit seinen zahlreichen Zuflüssen zum Meer.

Gleichzeitig ist diese Region eines der am längsten dauerhaft bewohnten Gebiete der Erde. Seit 40.000 Jahren leben hier Aboriginals vom Volk der Mirrar-Gundjehmi.

Die großartigen Felsmalereien der Region sind die ältesten des Kontinents; sie haben bis heute
große kulturelle Bedeutung für die lokale Bevölkerung der Aboriginals, die nach australischem Gesetz offiziell als Hüter und Besitzer („traditional owners“) des Landes anerkannt sind. Zahlreiche bedeutende Stätten der Aboriginals befinden sich in dieser Landschaft - die Orte und Pfade der Traumzeit.

Die Kulturlandschaft des Kakadu-Nationalparks stellt ein einzigartiges Beispiel dar für die gewachsene Interaktion von Mensch und Umwelt. In der Tradition der Aboriginals spielen die geologischen Formationen, Pflanzen und Tiere eine besondere Rolle. Die Ureinwohner unterhalten eine enge spirituelle Beziehung zu ihrem Land, das somit die Grundlage nicht nur ihrer physischen, sondern auch der kulturellen Existenz als Volk bildet.

Uran - eine tödliche Gefahr

Doch der Abbau von Uran gefährdet das Überleben der ältesten Kultur der Erde. Der Verlust der kulturellen Identität durch die Zerstörung des Landes wiegt mindestens ebenso schwer wie die Bedrohung der Gesundheit der heutigen Generation der Mirrar, ihrer Kinder und Kindeskinder durch die Radioaktivität.

Schon beim Abbau des Uranerzes werden zahlreiche radioaktive Stoffe freigesetzt. Der Abraum, der bei der Extraktion des Urans entsteht, enthält noch bis zu 85 Prozent der ursprünglichen Radioaktivität. In riesigen Rückhaltebecken wird der zu Sand zermahlene Abraum, von Wasser bedeckt, gelagert. Aus diesen „Tailings“ entweicht immer wieder, wie das Beispiel der seit 1981 in unmittelbarer Nähe von Jabiluka produzierenden Ranger-Uranmine zeigt, radioaktiv verseuchtes Wasser und gelangt über die weit verzweigten Gewässersysteme in die Feuchtgebiete, die den Lebensraum der Mirrar und anderer Aboriginal-Clans bilden.

Den Abraum auf Dauer zu isolieren und sicher zu lagern, ist nicht möglich, wie Umweltschützer betonen. Mehr als 200.000 Jahre wird der Abfall aus den Minen seine tödliche Strahlung abgeben - ein Zeitraum jenseits menschlicher Vorstellungskraft. Routinemäßig leitet die Ranger-Mine verstrahltes Wasser in den Park. Auch Leckagen an den Rückhaltedämmen kommen immer wieder vor; zuletzt im März letzten Jahres - ein Vorfall, den die Betreiber der Ranger-Mine zunächst zu verheimlichen suchten, dann aber, Wochen nach dem Ereignis, doch zugeben mussten.

Unfälle werden verschwiegen

Von diesen Vorgängen und von der radioaktiven Strahlung erfahren die Besucher des Parks nichts, auch nicht die Touristen, die eine Busrundfahrt durch das Gelände der Ranger-Mine buchen. Ihnen wird vielmehr erzählt, dass es sich um absolut sicheren Bergbau handele, der allen Beteiligten nur Vorteile bringe - auch den Aboriginals, die großzügige Zahlungen aus den Pachtverträgen erhielten.

Geschichte eines Konflikts

Vor der Einrichtung des Kakadu-Nationalparks in mehreren Stufen seit 1979 wurden drei Gebiete vom Status des Parks ausgenommen, quasi als juristische Enklaven: die Uranbergbaugebiete von Ranger, Jabiluka und Koongarra. Der Northern Land Council, der offiziell die in der Region lebenden Aboriginal-Clans vertritt, erteilte 1982 die Genehmigung zur Ausbeutung der Vorkommen in Jabiluka. Nach dem Regierungswechsel 1983 verfolgte Australien zunächst eine andere, zurückhaltende Uranbergbaupolitik; Jabiluka wurde auf Eis gelegt.

Doch mit dem erneuten Regierungswechsel im Jahr 1996, bei dem die 1999 knapp bestätigte Howard-Regierung an die Macht kam, brach ein neues nukleares Zeitalter für den fünften Kontinent an. Nicht nur soll nach dem Willen der Betreiberfirma, des Energiekonzerns Energy Resources of Australia (ERA), und der Regierung Jabiluka stufenweise die Uranproduktion aufnehmen; es ist auch geplant, rund 30 weitere Uranminen in ganz Australien zu erschließen und kommerziell zu nutzen. Dass auch eine Endlagerstätte für Atommüll aus aller Welt in der westaustralischen Wüste im Gespräch ist sowie in Sydney neben dem bestehenden ein zweiter Forschungsreaktor gebaut werden soll, komplettiert das nukleare Szenario.

Ende 1998 begann die ERA mit den Ausschachtungsarbeiten. Jabiluka sollte nach den Worten der Konzernmanager die „sicherste und am besten überwachte Uranmine“ der Welt werden. Zahlreiche Arbeitsplätze sollten entstehen, und neben den angepeilten 2,5 Milliarden Dollar an Exporteinnahmen sollten für die Mirrar, die Landbesitzer, rund 140 Millionen Dollar an Förderabgaben abfallen.

Doch ERA hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Mirrar - ein Clan von etwa 30 Erwachsenen und etlichen Kindern - lehnten die neue Mine rundweg ab. Sie argumentierten, dass die Verhandlungsführer 1982 nur unter Druck zur Unterzeichnung der Verträge gebracht worden waren. Die Rechte der Aboriginals waren zu der Zeit noch kaum gesichert, und die Ältesten hatten keine Erfahrung mit derartigen Verhandlungen. Der Clan-Älteste Toby Gengale ging an dem Konflikt zugrunde; er starb nicht lange nach den Verhandlungen.

Seine Tochter Yvonne Margarula, die die Aufgabe der verantwortlichen Treuhänderin für das Land übernommen hat, fordert eine Revision der Verträge. Einnahmen aus den Pachtgebühren lehnen die Mirrar ab; ihnen sind die Erhaltung ihres Landes und der sakralen Stätten sowie die Gesundheit ihrer Kinder und der zukünftigen Generationen wichtiger.

Die Mirrar brachten das Thema Jabiluka vor das für die Welterbestätten zuständige Gremium der UNESCO, das World Heritage Committee (WHC) mit Sitz in Paris. Ziel war eine Aufnahme in die Rote Liste des „Welterbes in Gefahr“. Mehrere internationale nicht-staatliche Organisationen, darunter der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) und die Internationale Union zur Erhaltung der Natur (IUCN), erstellten im Auftrag des WHC Gutachten; alle Gremien kamen übereinstimmend zu der Auffassung, dass der Uranabbau den Nationalpark gefährde und sprachen sich für eine Aussetzung der Bauarbeiten aus.

Doch bei der außerordentlichen Sitzung des WHC im Juli 1999 in Paris entschied sich die Organisation gegen eine Aufnahme in die Rote Liste. Vorausgegangen war eine mit mindestens einer Million Dollar geschmierte Kampagne der Regierung Howard, die alles unternahm, um eine solche imageschädigende Entscheidung zu verhindern. Als die Opposition das als streng vertraulich eingestufte Konzept für die Kampagne in die Hände bekam und veröffentlichte, wurden der Regierung in Parlament und Öffentlichkeit daraufhin schmutzige Methoden und Stimmenkauf vorgeworfen.

Das Votum war allerdings nicht abschließend; eine Entscheidung über den Status des Kakadu-Nationalparks sollte erst im November 2000 bei der Sitzung des WHC im australischen Cairns fallen. Diese Verschiebung musste von der australischen Regierung mit erheblichen Zugeständnissen und Auflagen bezahlt werden. Eine der Konzessionen war die Zusage eines umfassenden Pakets an sozialer und finanzieller Unterstützung für die Aboriginals der Region in Höhe von rund 6 Millionen Dollar.

Außerdem musste die Regierung einen weiteren Bericht vorlegen. Dieser Bericht war auch Thema auf der Sitzung des World Heritage Bureau (des geschäftsführenden Gremiums des WHC) Anfang Juli 2000 in Paris. Von Umweltschützern, so etwa der Australian Conservation Foundation, wurde der Bericht als unzulänglich kritisiert; er gehe nicht darauf ein, wie die traditionelle Kultur der Mirrar vor Beeinträchtigungen durch das Minen-Projekt geschützt werden kann. Neben einem Managementplan wird beispielsweise eine topographische Erfassung der sakralen Stätten verlangt. Die Mirrar ersuchen ICOMOS, zu diesem Zweck Wissenschaftler zu ihnen zu entsenden.

Friedliche Kernenergie?

Am Beispiel der Jabiluka-Mine wird der grundsätzliche Konflikt zwischen der Nuklearindustrie und den Menschenrechten indigener Völker deutlich: Etwa zwei Drittel der weltweiten Uranvorräte liegen unter Eingeborenen-Land; auf ihrem Land fanden alle Atombombentests statt; auf ihrem Land sollen Endlagerstätten für Nuklearabfälle aus aller Welt entstehen.

Jabiluka ist ein Schlüsselfall auch in anderer Hinsicht. Die Segnungen, die Energiekonzerne versprechen, wenn Ureinwohner auf ihrem Land den Abbau von Uranerz zulassen, erweisen sich als leeres Gerede. Im Fall der Mirrar kam 1997 eine Studie, die von Verwaltungsträgern des Kakadu-Nationalparks, darunter der Betreiberfirma Energy Resources of Australia, in Auftrag gegeben wurde, zu dem Schluss, dass sich „die soziale Lage der Region seit den 80er Jahren nicht verbessert“ hat. Jacqui Katona, Geschäftsführerin der Gundjehmi Aboriginal Corporation, die im Auftrag der Mirrar den Widerstand koordiniert, drückt es drastischer aus: „Die Mirrar leben bis heute unter Dritte-Welt-Bedingungen.“

Gar nicht zur Sprache kommen in den Versprechungen von ERA die Gefährdungen durch die Radioaktivität - sie werden schlicht geleugnet. Ein Vertreter des Konzerns behauptete, dass beim Abbau von Uranerz „keinerlei zusätzliche Radioaktivität“ erzeugt werde. „Wir graben nur das Erz aus, zerkleinern es und ziehen das Uran heraus; dann bringen wir es als Tailings zurück in die offengelassenen Gruben, die mit Erdreich bedeckt und bepflanzt werden. So wird der geologische Urzustand wieder hergestellt.“

Umweltschützer und Wissenschaftler halten dem entgegen, dass durch die Bewegung des Urans, die Zerkleinerung des Erzes und die chemische Behandlung die Gefährdung entsteht, denn bei diesem Prozess wird unter anderem hochgiftiges Radongas frei, das mit dem Wind über weite Entfernungen verweht werden kann. Und die Staubpartikel können in das Gewässersystem und damit letztlich auch in die menschliche Nahrungskette gelangen.

Das Atomzeitalter ist erst gut fünf Jahrzehnte jung. Mit den Atombomben auf Hiroshima und Naga-saki fand es seinen furchtbarsten Ausdruck, und spätestens seit Tschernobyl ist klar, dass es keine friedliche Nutzung der Kernenergie geben kann. Doch Ranger, Jabiluka und die vielen anderen Minen müssen zur Chiffre werden für den weitgehend unbekannten Teil der nuklearen Kette - den Uranbergbau.

Kampagne Stoppt Jabiluka

Bei einer Europareise von Yvonne Margarula, Jacqui Katona und Christine Christophersen im August 1998 wurde in Köln die Kampagne Stoppt Jabiluka gegründet. Sie setzt es sich zum Ziel, die Öffentlichkeit über die Situation im Kakadu-Nationalpark und über die Lage der Mirrar zu informieren. Mit Veranstaltungen, Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, Unterschriftensammlungen und politischer Lobbyarbeit soll Unterstützung für die Mirrar organisiert und Druck auf die australische Regierung und den Minenbetreiber ERA ausgeübt werden. Gemeinsam mit den Aboriginals sowie Menschenrechtsorganisationen und Umweltschützern aus der ganzen Welt soll versucht werden, den Weiterbau der Jabiluka-Mine zu verhindern.

Der Kampf der Mirrar ist nicht vergeblich: Inzwischen hat sich in vielen Ländern eine Unterstützerszene etabliert, und das Medienecho ist beträchtlich. Yvonne Margarula und ihre Mitstreiterin Jacqui Katona wurden unter anderem 1998 mit dem Nuclear Free Future Award und 1999 mit dem renommierten Goldman Award, dem „grünen Nobelpreis“, ausgezeichnet.

Was können Sie tun?

Protestieren Sie bei der australischen Regierung gegen den Weiterbau der Jabiluka-Mine. Sie können Ihr Schreiben auch in Deutsch verfassen und an die australische Botschaft in Berlin richten. Unterzeichnen Sie Petitionslisten an die australische Regierung. Sammeln Sie in Ihrem Bekanntenkreis Unterschriften.

Fordern Sie das Auswärtige Amt auf, sich in der UNESCO für den Schutz des Welterbes einzusetzen. Verlangen Sie, dass die Bundesregierung durch ihre Vertreter bei der UNESCO eine klare Position bezieht, wenn die Welterbekonvention und ihre Gremien durch die australische Regierung zum Spielball von Machtinteressen gemacht werden.

Teilen Sie dem World Heritage Committee in Paris Ihre Besorgnis mit und verlangen Sie, dass ausschließlich nach fachlichen Gesichtspunkten entschieden wird. Protestieren Sie dagegen, dass die Voten der Fachorganisationen einfach zur Seite geschoben werden.

Unterstützen Sie die Aktivitäten der Kampagne Stoppt Jabiluka durch Beteiligung an Brief- und Faxaktionen, Demonstrationen, Informationsveranstaltungen, mit Leserbriefen und so weiter. Lassen Sie sich in den Verteiler des Rundbriefes eintragen.

Verbreiten Sie unser Informationsmaterial in Ihrem Wirkungskreis. Legen Sie es in Buchhandlungen, Gemeindezentren usw. aus. Organisieren Sie Informationsveranstaltungen in Umweltverbänden, Jugendorganisationen, an Schulen und Hochschulen oder regen Sie das an. Die Kampagne hilft Ihnen gerne mit der Vermittlung von Referenten und der Ausleihe von Filmen. Adressen, Textvorschläge, Petitions- und Unterschriftenlisten sind bei der Kampagne erhältlich.

Helfen Sie, dass die Kampagne weiterhin am Ball bleiben kann. Ermöglichen Sie unsere Aktivitäten, die wir in enger Zusammenarbeit mit den Mirrar durchführen, durch finanzielle Unterstützung (Spenden sind steuerlich absetzbar).