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Die Ureinwohner und der strahlende Tod
Naturvölker sind die Hauptleidtragenden des Atomzeitalters

Yellirrie heißt ein Uranprojekt in Westaustralien. Der fünfte Kontinent verfügt über riesige Uranvorkommen, vor allem in den Bundesstaaten West- und Südaustralien sowie im Northern Territory. Von den englischen Kolonisatoren wurde Australien als „terra nullius“ bezeichnet, als unbesiedeltes Land, das niemandem gehörte. Doch bei Ankunft der ersten Siedler vor gerade einmal 213 Jahren war der Kontinent bereits seit mehreren Zehntausend Jahren bewohnt.

Die Kultur der Aborigines, mit der Australien vor allem als Gastgeber der Olympischen Spiele in Sydney im vergangenen Jahr intensive Werbung betrieb, unterscheidet sich sehr stark von der Kultur der dominanten weißen Bevölkerung. In ihren Schöpfungsmythen spielt die mythologische Urzeit, die „Traumzeit“, eine wichtige Rolle. Traumpfade durchziehen den ganzen Kontinent; zahlreiche heilige Stätten sind Schöpferwesen geweiht. Es gibt viele Stellen, die mit Konnotationen von besonderer Bedeutung, auch von Gefahr belegt sind, deren Betreten den Menschen untersagt ist.

Auf frappierende Weise decken sich diese Tabu-Stellen mit heutigen Karten von Uranvorkommen. Es scheint, als hätten sich die Ureinwohner durch Jahrhunderte lange Naturbeobachtung eine verblüffend genaue Kenntnis von Orten erworben, die ein Vielfaches der natürlichen Hintergrundstrahlung aufweisen. Auch der uralte Mythos der Njamal in Nordaustralien von der Regenbogenschlange, die unter der Erde schläft und die geheimen Kräfte hütet, die der Mensch nicht stören darf, ist zu deuten als Hinweis auf die tödliche radioaktive Strahlung. In ähnlicher Form findet sich ein solcher Mythos auch bei anderen Ureinwohner-Völkern auf der anderen Seite der Erde wieder. Und das Uran in den peruanischen Anden hatte schon zu Inka-Zeiten einen Namen: „Ayakachi“ - das Salz, das tötet.

Nicht nur Aborigines, sondern Ureinwohner-Völker in allen Regionen der Erde sind auf besondere Weise mit dem Thema Uran verbunden. Etwa 70 Prozent der bekannten Uranvorräte liegen unter dem Land von eingeborenen Völkern. Ironischerweise handelt es sich oft um Land, das beispielsweise nordamerikanischen Indianern oder Aborigines als Reservatsland zugewiesen wurde, weil es den Kolonisatoren wertlos erschien. Erst später entdeckte man den Rohstoffreichtum dieser Gegenden und begann - meist entgegen allen Verträgen und Zusicherungen - mit der Ausbeutung: Kohle, Erdöl, Gold. Und Uran: im Südwesten der USA, der Heimat der Navajo und Pueblo-Völker, in den Black Hills, die den Cheyenne und Lakota heilig sind, in den kanadischen Provinzen Saskatchewan und Ontario und in den Nordwestterritorien, dem Land der Inuit, Cree und Dené, auf dem Boden australischer Aborigines, ebenso in Nord-, West- und Zentralafrika, wo Tuareg, Fulbe, Pygmäen und andere Stammesvölker leben. Auch sibirische Urvölker sind vom Uranabbau bedroht, und in Indien sind die Adivasi die ersten Opfer des staatlichen Atomprogramms.

Als Arbeiter in den Minen sind die Ureinwohner willkommen. Doch in den meisten Ländern werden ihre Rechte, vor allem die Landrechte, missachtet. Sie vor Gerichten durchzusetzen, fehlen ihnen meist die Möglichkeiten und die Mittel; in internationalen Gremien haben Ureinwohner keine Stimme und finden kein Gehör. Zwar arbeitet eine Unterorganisation der Vereinten Nationen, die „Working Group on Indigenous Populations“, seit rund zwanzig Jahren an einer Deklaration der Menschenrechte der Ureinwohner-Völker. Doch auch wenn diese Deklaration, die beispielsweise Land- und kulturelle Rechte festschreiben soll, dereinst von den UN-Mitgliedstaaten ratifiziert werden sollte, bleibt die Frage, wie die Inhalte umgesetzt werden können.

Nicht nur vom Uranabbau, sondern auch von allen anderen Stationen der nuklearen Kette sind Ureinwohner zuallererst betroffen. Ausnahmslos auf ihrem Land liegen die Versuchsgelände, auf denen die Atommächte ihre Bomben testeten. Auf ihrem Land sind Endlagerstätten für nukleare Abfälle aus aller Welt geplant - in Nevada oder „Newe Segobia“, wie die Western-Shoshone-Indianer ihr Land nennen, oder in der westaustralischen Wüste.

Seit vielen Jahren treffen sich immer wieder Delegierte indigener Nationen mit Regierungsvertretern, Politikern und internationalen Organisationen wie dem Weltkirchenrat, um ihr Anliegen deutlich zu machen. Ihre Botschaft ist eindeutig: Um den „nuklearen Kolonialismus“ zu beenden, muss das Uran in der Erde bleiben.

Yellirrie übrigens ist ein Wort aus der Sprache der Aborigines. Die Western Mining Corporation als Betreiber hatte den Namen für ihr Minenprojekt gewählt, ohne sich nach der Bedeutung zu erkundigen. Übersetzt heißt Yellirrie „Stätte des Todes“.

Bernhard Mogge
("Rheinischer Merkur", 15. September 2000)

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