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Unsere tägliche Bombe
Uranabbau: Bereits das erste Glied der nuklearen Kette entfaltet ein tödliches Potenzial

Niemand hatte etwas geahnt. Es gab keine Warnung. Der 16. Juli 1979 begann strahlend schön. Ein besonderes Datum: Auf den Tag genau vor 34 Jahren war bei Alamogordo in der Wüste von New Mexico, USA, die erste Atombombe explodiert. Vierzehn Wochen zuvor war in Harrisburg, Pennsylvania, der Atomreaktor Three Mile Island havariert.

In den frühen Morgenstunden dieses Tages brach in Churchrock, New Mexico, auf zwanzig Fuß Breite ein Damm, der den Abraum aus einer Uranmine der United Nuclear Corp. zurückhielt. Rund 400 Millionen Liter radioaktiv verseuchtes Wasser und mehr als 1000 Tonnen Schlamm und Geröll ergossen sich über das Land, versickerten im Boden; das meiste floss in den Rio Puerco, einen Nebenfluss des Colorado River. Die Flutwelle selbst tötete niemanden. Doch auf ihrem Weg hinterließ sie den Tod in Form von radioaktiven Substanzen: Uran, Thorium, Radium, Polonium; außerdem eine große Anzahl hoch giftiger Metalle, die im Abraum enthalten sind. Spuren der Verseuchung wurden Jahre später noch in 75 Meilen Entfernung gemessen.

Zur Zeit des Unfalls lebten in der Gegend etwa 350 Familien, die meisten von ihnen indianische Schafzüchter vom Volk der Navajo. Der Fluss diente ihren Herden als Trinkwasserquelle. Einen Monat nach dem Desaster ließen die Behörden Schilder aufstellen, die vor dem Gebrauch des Wassers warnten. Leider verstanden die Schafe den Hinweis nicht. Viele Tiere verendeten.

Schafe können nicht lesen

Eine Zeit lang hielt sich die Aufregung um Churchrock, zumal nachdem bekannt geworden war, dass der Unfall hätte verhindert werden können: Schon zwei Jahre zuvor waren Risse im Damm zu erkennen gewesen. Aber das öffentliche Interesse schlief bald ein, und nach drei Monaten nahm die Uranmine ihren Betrieb wieder auf. Der Name Churchrock prägte sich dem Gedächtnis nicht ein.

Doch zu einer Topographie des nuklearen Zeitalters gehören nicht nur die bekannten Namen wie Hiroshima und Nagasaki, Moruroa und Bikini, Harrisburg und Tschernobyl. Churchrock und viele andere stehen für den am wenigsten bekannten, aber im Vergleich mit der Wirkung von Atombomben nicht minder gefährlichen Abschnitt der nuklearen Kette: den Abbau von Uranerz, Rohstoff für Brennstäbe und atomare Waffen.

Um das Urankonzentrat "Yellow Cake" zu erzeugen, gibt es unterschiedliche Verfahren. Das Uranerz wird im Tagebau oder unter Tage gefördert und in Uranmühlen zerkleinert. Oder es wird bei der "In-Situ-Laugung" eine Lösungsflüssigkeit, wie etwa Schwefelsäure, in das poröse Gestein gepresst, und die uranhaltige Flüssigkeit wird durch Bohrlöcher abgepumpt. Folgen sind in jedem Fall eine gesundheitliche Gefährdung der in den Uranminen beschäftigten Arbeiter und eine Verseuchung der Umwelt durch radioaktive Materialien.

Das Element Uran erhielt seinen Namen im Jahr 1789 von dem Chemiker Martin Heinrich Klaproth. Gut hundert Jahre später entdeckte Henry Becquerel zufällig die natürliche Strahlung. Marie und Pierre Curie fanden das Radium im Uranerz und prägten den Begriff "radioaktiv". Bekannt war solche Strahlung allerdings schon seit dem 16. Jahrhundert, ohne dass man sie benennen konnte. Im Erzgebirge beispielsweise starben zahlreiche Bergleute in den Silberminen an der unerklärlichen "Schneeberger Lungenkrankheit", die erst in unserer Zeit als Lungenkrebs identifiziert wurde - eine Folge des Einatmens radioaktiver Stäube und von Radongas in den Stollen, die nicht nur Silber enthielten, sondern stark uranhöffig waren.

Radongas gehört zu den Zerfallsprodukten des Urans. Es hat eine Halbwertszeit von 3,8 Tagen; das heißt, dass nach dieser Zeit noch die Hälfte des ursprünglichen radioaktiven Ausgangsmaterials vorhanden ist. Vorgänger des Radons in der Zerfallskette sind Thorium 230 mit einer Halbwertszeit von 75 000 Jahren, das wiederum Radium 226 produziert. Dieses strahlengiftigste aller Radionuklide hat erst nach 1600 Jahren die Hälfte seiner gefährlichen Fracht verloren. Das Uran selbst - genauer: Uran 238, denn daraus besteht zu mehr als 99 Prozent das in der Erdkruste vorkommende Erz - bleibt nach menschlichen Zeitvorstellungen ewig radioaktiv; seine Halbwertszeit beträgt 4,5 Milliarden Jahre.

Gefährlich sind diese Elemente wegen der Alpha-, Beta- und Gammastrahlung, die sie abgeben. Wenn radioaktive Partikel eingeatmet werden oder auf anderem Weg, beispielsweise über die Nahrungskette, in den Körper gelangen, bewirken sie unausweichlich schwerste Zellschädigungen. Uran: Nieren- und Leberschäden, Krebs des Lymphsystems. Thorium 230, das sich hauptsächlich in den Organen des Immunsystems ablagert: Knochen- und Lebertumore, Leukämie, Krebs des Lymphsystems. Radium 226: Knochenkrebs, Leukämie. Radon 222: Lungenkrebs. Jedem Glied in der Zerfallskette des Urans ist eine tödliche Wirkung zuzuschreiben. Das betrifft geborenes wie ungeborenes Leben, denn die Horrorskala reicht von Schädigungen des Fötus im Mutterleib bis hin zu genetischen Veränderungen. Tschernobyl steht hierfür als Chiffre: Das ganze Ausmaß der Katastrophe für die Bevölkerung in weitem Umkreis wird erst nach Generationen sichtbar werden.

Die Uranerz-Ressourcen werden nach unterschiedlichen Kategorien, vor allem nach der Wirtschaftlichkeit der Ausbeutung gemessen. Die Vorräte, aus denen sich reines Uran zu einem Preis von 80 Dollar pro Kilo produzieren lässt, betragen weltweit 2,27 Millionen Tonnen; bei 130 Dollar pro Kilo sind es 2,96 Millionen Tonnen.

Millionen Tonnen Risiko

Der Urangehalt des Erzes beträgt oftmals nur 0,1 bis 0,2 Prozent. Entsprechend große Mengen Erz müssen abgebaut werden, um genügend Yellow Cake zu erhalten. Je nach Urangehalt fallen pro Tonne Konzentrat bis zu 40 000 Tonnen Abraum an. Dieses zu Sand zermahlene Gestein, die "Tailings", enthält noch bis zu 85 Prozent der ursprünglichen Radioaktivität. Zu riesigen Halden aufgetürmt oder, mit Wasser bedeckt, in großen, durch Dämme gesicherten Becken bilden die weltweit vielen Millionen Tonnen strahlenden Abraums eine todbringende Hinterlassenschaft für die kommenden Jahrhunderttausende.

Ein sicheres Tailings-Management ist nicht möglich. Die Zeiträume, über die der Abraum vollkommen abgeschlossen verwahrt werden müsste, übersteigen jede Vorstellungskraft und sämtliche heutigen technischen Möglichkeiten. Dämme unterliegen der Erosion; sie können brechen wie in Churchrock und an vielen anderen Orten. Versickerung radioaktiver Stoffe ins Grundwasser, Ausspülungen und Überschwemmungen lassen sie in Gewässersysteme gelangen und damit über Fische und andere Tiere in die menschliche Nahrungskette. Radongas, das schwerer ist als Luft und sich deshalb in Bodennähe bewegt, tritt aus den Minen aus oder wird von den Abraumhalden verweht.

Eine unsichtbare nukleare Landkarte legt sich so über Hunderttausende von Quadratkilometern. Strahlung, die alles erfasst, Mensch, Fauna und Flora, die keine Grenzen kennt. Der Schrecken ist nicht nur ein einzelnes Ereignis wie ein Atombombentest oder ein Kernkraftwerks-GAU. Es ist die Bombe, die lautlos, aber täglich detoniert.

Bernhard Mogge
("Rheinischer Merkur", 15. 9. 2000)

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